Tagebuch Neuseeland-Safari April 2010

 
Tag 1: Sonntag, den 20.03.2010, Ankunft Tauranga
 
01 Map Nordinsel
Diese Safari brachte mich nach meinem nur dreitägigen Aufenthalt in 2005 zum zweiten Mal nach Neuseeland. Der lange Flug führte mich via Dubai, wo ich schon ein paar neue Eindrücke sammeln konnte. Ein Ingenieurskunstwerk am anderen, ein kleines Klimawunder neben dem nächsten. Doch nun war ich froh, auf „Middle Earth“, wie Neuseeland oft genannt wird, gelandet zu sein und so herzlich von Tony in Empfang genommen zu werden. Tony, unser Vertriebspartner im neuseeländischen Tauranga, lässt mich immer wieder staunen, denn trotz seiner 80 Jahre ist er kein bisschen vom alten Eisen. Ganz im Gegenteil: Geschäftlich ist Tony nach wie vor hoch im Kurs und auch fliegerisch legt er die Messlatte als Chief Flight Instructor anspruchsvoll hoch. So juxte er gleich mit mir und unterzog mich – ohne, dass es mir bewusst war – eines Prüfungsfluges von Tauranga Airport NZTG zu einem 15 km entfernten Flugplatz. Ich bekam erstmalig mit, wie viel hier gefunkt wird, da Tauranga wie auch Hannover ein Flugplatz ist, der von Verkehrsflugzeugen bis hin zum mittelgroßen Airlinern angeflogen wird. Nach einer Funkarie starteten wir endlich und ich erfuhr erst bei der Landung, dass ich den Test zur Erlangung der neuseeländischen Fluglizenz bestanden habe. Das gefällt mir, Tony macht keine halben Sachen. Genauso vollständig wie sein Handeln ist auch seine Gyro-Flotte, die glänzend auf dem grünen Rasen vor dem Hangar steht. Es sind gute 26°C, Herbst auf der Nordinsel. 
 
Die Nordinsel Neuseelands ist der am dichtest besiedelte Teil des Inselstaates, der aus den zwei Hauptinseln sowie mehr als 700 kleineren Inseln besteht. Die vom neuseeländischen Aero-Club organisierte Safari wird uns nebst 65 Flugzeugen der General Aviation in alle Teile des „Mainlandes“, wie die Neuseeländer die beiden Hauptinseln bezeichnen, führen: Von Ardmore an der Westküste gen Norden nach Kaitala, über die Spitze an der Ostküste wieder gen Süden nach Whitianga und zurück zum Ausgangspunkt. Dann starten wir wieder von Tauranga an der Westküste gen Süden nach Gisborne und Masterton und berühren zum ersten Mal in Omaka die Südinsel. Auch hier geht es weiter an der Westküste gen Süden zu unserem Zielort Timaru. Täglich werden wir zwischen 400 und 800 km zurücklegen und mit insgesamt 74 Fliegern einige kleinere Flugplätze in den Ausnahmezustand versetzen.
 
 
Tag 2+3: Montag+ Dienstag, den 21.+22.03.2010, Tauranga – Ardmore
 
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Nach einer erholsamen Nacht und den ersten Eindrücken eines wunderschönen Neuseelands stehen heute einige Checkflüge auf dem Programm. Meine Fliegerfreunde Melanie und Andreas sind gestern Abend eingetroffen und auch sie ahnen noch nicht, dass sie sich  gleich ebenfalls dem Prüfungsflug stellen müssen. Lizenzanerkennungen sind weltweit nicht selbstverständlich und oft an zusätzliche Prüfungen gebunden. Ich staune nicht schlecht, als ich sehe, dass sich Hub, einer unserer Gyronauten, sogar noch geistliche Hilfe holt, bevor es zum Start auf die Safari geht. Ein Priester segnet seinen MTOsport mit Gebeten und allen guten Wünschen für die Safari. Hauptsache der Mann Gottes hat auch einen guten Draht zu Petrus und beschert uns allen gutes Wetter über dem Pazifikkontinent.
 
Insgesamt starten wir Gyroflieger mit vier MTOsports und mir im Calidus. Meine Vorfreude steigt immer mehr während wir alle Papiere zusammen sammeln, tanken und für unseren Abflug alles startklar machen. Am nächsten Morgen ist der Himmel noch ein etwas wolkenüberzogen, aber die werden sich hoffentlich bald in Sonnenschein auflösen.
 
In Ardmore, unserem Ausgangsort, gelandet wird mir das erste Mal die tatsächliche Größe unserer Fliegertruppe deutlich und ich bin gespannt wie wir wirklich diese gut 70 Flieger innerhalb von zwei Stunden täglich in die Luft bringen werden. Aber bevor wir morgen das erste Mal gesammelt starten werden, erläutert uns Liz, die Organisatorin der Safari, die geplante Route, den Zeitplan und die Aufgaben, die auf uns warten.
 
 
Tag 4: Mittwoch, den 23.03.2010, Ardmore – Whitianga
 
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Es geht los! Bei starkem Wind lernen wir direkt die Klimaverhältnisse kennen, die auf der Insel an der Tagesordnung sein werden. Der Höhenzug, der von Norden nach Süden über die Nordinsel verläuft, stellt eine Wetterbarriere dar und fängt die Wolken auf der einen Seite ab. Generell werden wir während dieser Safari unser fliegerisches Können abrufen dürfen, denn die Insel hält viele Herausforderungen bereit. Vor meine erste Herausforderung stellt mich heute meine Kupplung. Diese befand sich nämlich zu dem enorm frühen Verschiffungszeitpunkt lange vor Weihnachten noch in einem Vorserienzustand und ist heute durch einen technischen Defekt ausgefallen. Somit müssen wir den Rotor manuell in Drehung versetzen, aber der Wind hat schnell unter die Rotorblätter gegriffen und somit steht auch meinem Start nichts mehr im Wege. Unsere Gyrotruppe fliegt mit etwa 100 m Abstand zueinander und ich hefte mich als deutlich Schnellster ans Ende der Kette, um alle in Sichtweite zu halten.
 
So habe ich mir Neuseeland vorgestellt: bergig, grün, mit traumhaften Stränden. Aus der Luft sehen wir die vielen kleinen Inseln und bestaunen die Formen und Zustände, die die See annehmen kann. Denn an dieser Stelle gleicht das Wasser eher flüssigem Metall und im nächsten Moment schimmert es wieder türkisblau. Die Strände sind mal sandig weiß und mal vulkanstein schwarz, mal ranken nur kantige Felsen aus der Brandung. Ein Berg wird von einer Wolke sanft bedeckt, als wolle die Wolke eine Verschnaufpause machen. Voller Eindrücke erreichen wir unseren heutigen Zielflugplatz und landen als Formation von fünf Gyros innerhalb von weniger als einer Minute.
 
 
Tag 5: Donnerstag, den 24.03.2010, Whitianga – Tauranga
 
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Auch heute treibe ich meinen Rotor wieder von Hand an, bevor ich den nicht unerwarteten Kupplungsschaden in Tauranga beheben werde. Die fertigentwickelte Version der Kupplung hatte ich vorsorglich in meinem Gepäck mitgenommen. Ein besonderes Highlight unter unseren Safari-Fliegern ist die Catalina, die mit ihren 74 Jahren viel Schwung zum Starten benötigt. Angetrieben von zweimal 1.000 PS wollte ich mich in Ihren Fahrtwind stellen, um meinen Rotor in Drehung zu versetzen. Der gewünscht starke Wind bliebt hinter dem hölzernen Flugboot jedoch aus, da die Props für meine Bedürfnisse viel zu hoch angeordnet sind und so schlichtweg über mich hinaus brausten. Also ist unsere Manpower gefragt. Nach dem Start führt uns die Route über die Insel  und dann entlang der Westküste nach Norfolk, wo wir zwischenlanden. Gestärkt von einer kurzen Pause fliegen wir über das Festland nach Tauranga. Das Festland bietet wieder viele neue Kulissen: dichte, grüne Tannenwälder, Seen und Städte. Aber heute beeile ich mich ein wenig Tauranga zu erreichen. In Tonys Hangar kann ich meinen Kupplungsdefekt ohne weitere Probleme beheben und bevor die anderen gelandet sind ist mein Calidus schon wieder verkleidet.
 
 
Tag 6: Freitag, den 25.03.2010, Tauranga – Gisborne
 
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Gut ausgeschlafen starten wir in den atemberaubenden Sonnenaufgang zur heutigen Tagestour, die uns zunächst über das Festland in einem Bogen nach Taupo führt und dann weiter um die Ostküste nach Gisborne. Wie auch die Tage zuvor waren die Landschaften so vielfältig. Täler, Schluchten und Berge, Seen, Flüsse und der Pazifik, Städte, Dörfer und Einöden ließen unsere Tour wie im Fluge vergehen. Es ist immer wieder erstaunlich, dass die Ortschaften Neuseelands lediglich durch kleine Straßen miteinander verbunden sind. Autobahnen gibt es hier nicht, denn größere Entfernungen werden mit dem Boot oder dem Flieger zurückgelegt. Für uns undenkbar, aber dort normal. So stehen viele Privathäuser auch oft direkt an den dementsprechend gut ausgebauten Flugplätzen oder es werden Wasserkanäle in die Wohnblöcke geführt, so dass die Boote direkt am Haus liegen können. Einmal mehr wird mir klar, dass das Auto speziell aufgrund des deutschen Straßennetzes unser Hauptfortbewegungsmittel ist. In Gisborne gelandet werden wir von einer Kindergruppe mit traditioneller Bemalung und Kleidung empfangen. Dazu setzt das Abendrot die Landschaft wieder in ein unbeschreibliches Licht.  
 
 
Tag 7-9: Samstag-Montag, den 26.-28.03.2010, Gisborne – Masterton – Omaka  
 
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Und abermals lockt uns der Sonnenschein zu unserer heutigen Route von Gisborne entlang der Küste gen Süden zum Waikerarmoana-See, weiter über das Festland nach Hastings und fast im Zickzack nach Masterton. Die Küsten hier sind wieder so unterschiedlich wie faszinierend und auf dem Festland versuchen die Wolken langsam über den Höhenzug zum Meer zu kriechen. Im Wasser sehen wir Wale und Delphine, wie sie nacheinander auftauchen, Luft holen und wieder kraftvoll in die Tiefe verschwinden.
 
So beeindruckend wie dieser sollte sich auch unsere nächsten Tage entwickeln, denn unsere Safariroute führt uns das erste Mal über die 23 km breite Cookstraße auf die Südinsel Neuseelands. Als letzter der fünf Tragschrauber halte ich meine Freunde in Sichtweite, während wir an der Ostküste gen Süden fliegen. Die See ist rau und die Wellen zeigen ganz deutlich, dass ablandiger Wind, der auf der Küstenseite an den Klippen herunter fällt, das Wasser geradezu auf den Pazifik hinaus drückt. Einige Kilometer weiter, kurz bevor wir die Cookstraße überqueren werden, können wir schon
 
die Grenze erkennen, die der Wind wie mit einem Lineal über das Wasser gezogen. Plötzlich ist die See vor uns wieder ruhig. Für uns ist Konzentration angesagt, denn das Meer verdeutlicht: Durch die Cookstraße weht ein anderer Wind. Und schon sehe ich, wie die vier Tragschrauber, die vor mir über die Landzunge hinausfliegen, von den Scherwinden wie die Sektkorken auf und ab schießen. Auf alles vorbereitet fliege ich über die Landzunge hinaus und – liege enorm ruhig in der Luft. Ich spüre zwar die Kräfte, die von außen wirken, der Calidus jedoch ist stabil und lässt sich anstrengungslos über die Meerenge manövrieren. Ich bin begeistert und euphorisiert, getragen von entsprechender Musik in meinem Headset staune ich auch über die Fähigkeiten eines Handys heutzutage, und so landen wir das erste Mal  auf der Südinsel Neuseelands.
 
 
Tag 10-12: Dienstag-Donnerstag, den 29.-31.03.2010, Omaka – Timaru
 
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Die Südinsel bietet ein ganz anderes Bild als die Nordseite: die Landschaft ist einsamer, viele ausgetrocknete Flussbetten laufen durch das schon fast wüstenartig braune als saftig grüne Gras und die vulkanischen Felsen sind zunehmend schroff als so moosig verpackt. Aus der Luft sieht man deutlich die Gesteinsschichten aus Schiefer und Granit, die vor Millionen Jahren durch die Verschiebung der Erdplatten entstanden sind. An Stellen wie dieser wird mir immer wieder unweigerlich bewusst, wie relativ Zeit und wie klein doch unser Bruchstück ist, an der Geschichte der Erde teilzuhaben. Ganz gleichmäßig, fast wie gemalt, verlaufen die Linien. Auch durch das Pazifikwasser zieht sich plötzlich eine klare Linie: auf der einen Seite ist das Wasser fast milchig weiß, auf der anderen normal blau. Dies entsteht, so wird uns erklärt, wenn das kalte Salzwasser des Pazifiks und das erheblich wärmere Süßwasser der exzessiven Regenfälle aufeinander treffen. Die Facetten Neuseelands überraschen uns auf ein Neues.
 
Fast ein bisschen wehmütig genießen wir die nächsten, unseren letzten zwei Tage der Safari, in Timaru. Das Fjordland Neuseelands auf der Südinsel war ein toller Abschluss der so interessant gestalteten Route. Wir nehmen alle ein paar hundert Fotos und ein Vielfaches davon an Eindrücken und Erinnerungen an unsere Safari über „Middle Earth“ mit uns nach Hause und stellen wieder einmal fest, dass das Fliegen mit dem Tragschrauber unglaubliche Aussichten und Abenteuer ermöglicht.
 
 
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